Am 20.10.2025 durfte ich an einem Bildung.Table Live Briefing teilnehmen, das sich mit der Frage befasste, wie eine zukunftsfähige Prüfungskultur in einer digitalen Welt aussehen kann. Schlussendlich stand dabei jedoch mehr die Rolle der digitalen Souveränität als Maßstab für ein Bildungssystem, das sowohl Kompetenzen für die digitale Arbeitswelt fördert als auch das Wohlbefinden von Schüler*innen im Blick behält, mehr im Mittelpunkt als die tatsächliche sich ändernde Prüfungskultur.
Aus Sicht der Schüler*innen, vertreten durch Quentin Gärtner (Bundesschülerkonferenz), wurde deutlich, dass sich viele junge Menschen nicht ausreichend auf die digitale Arbeitswelt vorbereitet fühlen, weder in Bezug auf den souveränen Umgang mit digitalen Technologien und KI noch im Hinblick auf mentale Gesundheit und Selbstregulation im Umgang mit sozialen Medien. Besonders hervorgehoben wurde der Wunsch nach explizit dahingehend mehr Unterstützung sowie einer Veränderung der Schulkultur: Lehrkräfte und Schüler*innen sollten stärker voneinander lernen können, anstatt an tradierten "Rollen" festzuhalten. In einer sich schnell wandelnden Welt brauche es Zusammenarbeit und Offenheit auf beiden Seiten, was natürlich zuerst kontraintuitiv wirkt, jedoch langfristig von allen Beteiligten am Call, neben Herrn Gärtner noch Dr. Anika Limburg (Direktorin des Bildungscampus Saarland) sowie Ralph Müller-Eiselt (Vorstand des Forum Digitalisierung Bildung) als gewinnbringen wahrgenommen wird.
Kritisch betrachtet wurden klassische Prüfungsformate wie Klausuren, die meist reines Reproduktionswissen abfragen. Sie gelten als wenig geeignet, um individuelle Lernfortschritte oder „Soft Skills“ abzubilden. Diskutiert wurde, wie alternative Formen des Prüfens aussehen könnten, die Kompetenzen wie Problemlösefähigkeit, Reflexion oder Kreativität stärker einbeziehen. Ein interessanter Gedanke war dabei, KI-gestützte Systeme zu Beginn von Prüfungen einzusetzen, bspw. um Formalitäten zu klären oder sprachliche Barrieren zu überwinden. Auch die Idee LLMs als Learning-Buddies, der Schüler*innen individuelles Feedback gibt, zu nutzen, wurde thematisiert. Dies wurde ambivalent bewertet.. Einerseits könnten so personalisierte Lernprozesse unterstützt werden, andererseits müsse sichergestellt werden, dass solche Systeme pädagogisch sinnvoll eingebettet und datenschutzkonform gestaltet sind.
Im Bezug auf Lehrkräfte bestand Einigkeit darin, dass die Stärkung digitaler Souveränität bereits in der Lehrkräftebildung beginnen muss. Lehrkräfte benötigen Sicherheit im Umgang mit digitalen Medien und KI, um diese Kompetenzen auch an Schüler*innen weitergeben sowie in einen fundierten Austauch mit diesen treten zu können. Gleichzeitig wurde betont, dass viele Lehrkräfte bereits heute eine hohe Belastung empfinden. Deshalb sei es wichtig, den Druck zu reduzieren, den Wandel als fortlaufenden Prozess zu verstehen und die Lehrkräfte auf diesem Weg zu begleiten.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass bildungspolitisch zwar viele Weichen gestellt sind, der Zug aber noch nicht auf dem Gleis steht (Zitat Dr. Limburg). Deutschland wirke im internationalen aber auch europäischen Vergleich eher zögerlich, oft ausgebremst durch Bürokratie und Regularien. Trotzdem wurde auch an die Eigenverantwortung der Schüler:innen appelliert, Medien reflektiert und selbstreguliert zu nutzen. Die Diskussion machte deutlich, dass eine moderne Prüfungskultur weit über die Frage nach digitalen Tools hinausgeht. Es geht darum, Lernen, Bewerten und Wohlbefinden neu zu denken, im Sinne einer Bildung, die Schüler*innen befähigt, selbstbestimmt, kritisch und resilient in einer digitalen Welt zu agieren.
Persönlich habe ich die Teilnahme an dem Briefing als sehr gewinnbringend wahrgenommen. Dennoch ging ich mit dem Gefühl heraus, dass die Diskussion eine Fortsetzung einer Debatte ist, die wir im Bildungsbereich seit der Einführung digitaler Medien immer wieder führen. Es besteht große Einigkeit darüber, dass sich etwas verändern muss, doch sobald es um die konkrete Umsetzung geht, bleibt vieles unklar bzw. bereits etablierte Strukturen finden ihren Weg nur selten flächendecken in die Schullandschaft. Zwar ist es so, dass die verschiedenen Akteur*innen ähnliche Ziele verfolgen, aber oft aneinander vorbeireden bzw. in meiner Wahrnehmung kein richtiger zielorientierter Dialog stattfindet. Jede Perspektive hat ihre Berechtigung, aber die eigentliche Herausforderung liegt vielleicht darin, diese Stimmen wirklich miteinander in Verbindung gebracht werden. Für mich wurde dabei deutlich, dass es weniger um technische Fragen geht, sondern vielmehr um Haltung und Kultur. Wie verstehen wir Lernen und Leistung in einer Zeit, in der Wissen ständig verfügbar ist? Wie schaffen wir es, Vertrauen, Eigenverantwortung und Reflexion stärker in den Mittelpunkt zu stellen, bei Schüler*innen ebenso wie bei Lehrkräften?
Einigkeit bestand insbesondere darin, dass sich die Rolle der Lehrkraft zukünftig tiefgreifend verändern wird. Weg von der reinen Wissensvermittlung hin zu einer begleitenden, moderierenden und reflektierenden Instanz. Diese Verschiebung wird ebenfalls länger diskutiert, dennoch begreife ich als Chance, Schule nicht länger ausschließlich als Ort der Leistungsmessung, sondern als lebendige Gemeinschaft des Lernens zu verstehen, in der Lehrkräfte & Schüler*innen gleichermaßen wachsen, zweifeln, hinterfragen und sich weiterentwickeln. Doch was bedeutet es wirklich, Lernbegleiter*in zu sein, in einem System, das noch immer stark auf Kontrolle, Bewertung und Standardisierung ausgerichtet ist? Wenn sich die Rolle der Lehrkraft wandelt, dann stellt sich unweigerlich die Frage, ob nicht auch die Strukturen der Lehramtsausbildung, der Prüfungen und der institutionellen Rahmenbedingungen neu gedacht werden müssen. Wie bereiten wir zukünftige Lehrkräfte darauf vor, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern Lernprozesse zu gestalten, in denen Unsicherheit, Kreativität und Reflexion sowie ein gegenseitiges Lernen zwischen Schüler*innen und Lehrkräften Platz haben? Diese Fragen bleiben für mich offen, und zugleich wächst das Gefühl, dass wir, Politik, Wissenschaft, Lehrkräfte und Schüler*innen gemeinsam Wege finden müssen, um darauf nicht nur schnelle, sondern auch nachhaltige Antworten zu finden und zu geben.