Der Nationale Tag der Bildung am 08.12. erinnert daran, wie Bildung unsere Gegenwart prägt, unsere Zukunft formt und als Teil der öffentlichen Agenda verstanden werden sollte. Gerade jetzt - inmitten gesellschaftlicher Veränderungen und technologischer Umbrüche - wird spürbar, wie sehr wir auf starke und gerechte Bildungslandschaften angewiesen sind.
Auch für das ifib spielt Bildung eine zentrale Rolle - ob in der Beratung oder der Forschung. Deshalb haben wir den Tag zum Anlass genommen mit dem stellvertretenden Institutsleiter Stefan Welling über seine Perspektive auf Bildung und den Beitrag des ifibs zu sprechen. Seine Gedanken dazu, warum Bildung für ihn weit mehr ist als reines Wissen und weshalb sie Menschen stärkt, orientiert und emanzipiert, eröffnen einen Blick auf das, was Bildung wirklich bewirken kann:
• Was bedeutet Bildung für dich?
Bildung bedeutet für mich sehr viel, vielleicht sogar alles, wäre ich ohne Bildung doch nicht, wer ich bin. Damit sind die Selbst- und Weltreferenzen als klassisches bildungstheoretisches Grundmuster adressiert, die sich im Zuge von Wandlungsprozessen qualitativ verändern lassen. Das sind zum einen individuelle biografische Prozesse, die aber zum anderen die meiste Zeit aufs Engste mit kollektiven Bildungsprozessen verbunden sind. Damit sind wir mitten drin in den verschiedenen Bildungsorten, die von ‚A‘ wie Abenteuerspielplatz bis zu ‚Z‘ wie Zoo reichen. Diese Orte kann man befragen, inwieweit sie für unterschiedliche Menschen bzw. Gruppen bildungsrelevant und -geeignet sind. Hier gilt: je mehr, desto besser. Im besten Falle ist Bildung dabei emanzipatorisch und hilft Menschen, einen für sie zufriedenstellenden Platz in der Gesellschaft zu finden. Das klingt auf den ersten Blick banal, ist es aber nicht und verlangt allen an Bildung beteiligten Akteur*innen viel ab, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Transformationen.
• Was hat das ifib in den letzten Jahren zur Bildung beigetragen, das dir besonders wichtig ist?
Natürlich sind mir alle unsere Beiträge zur Bildungsforschung sehr wichtig, aber ich hebe mal zwei Themen bzw. Projekte hervor. Das ist zum einen unsere Forschung zu Datafizierung und Datafication. Mit dem Projekt „Datafied“ und dem Begriff der datafizierten Schule haben wir früh aufgezeigt, wie so genannte (digitale) Datenpraktiken die Schule als Organisation und damit auch deren Bildungsangebot verändert. Diese Veränderungen sind enorm, man denke nur die aktuellen Diskussionen um KI oder das Smartphone-Verbot für bestimmte Altersgruppen.
Wo viel Veränderung herrscht, sollte auch die Relevanz der insbesondere formativen Evaluation von Bildungsprozessen zunehmen, zum einen, um sie zu verstehen und zum anderen natürlich, um sie zu verbessern, gerade was die Zielgruppenadäquanz betrifft. Die Erfolge sind dabei durchwachsen. Hier setzt das Projekt „DILABoration“ an, in dem wir uns intensiv mit der Frage nach den Schwierigkeiten des Transfers von in Forschungsprozessen generierten Wissens in die pädagogische Handlungspraxis und natürlich Wegen, wie man diese Herausforderungen lösen kann, befasst haben.
Dabei muss man wissen, dass im Zuge von Evaluationen grundsätzlich ein Konfliktpotenzial entsteht, wenn externe Evaluator*innen implizites Wissen explizit machen und kommunizieren. Abwehr und Widerstand durch das involvierte pädagogische Personal sind gängige Reaktionen an dieser Stelle. Um dieses Dilemma aufzulösen, habe wir das Konzept eines responsiven Polylogs entwickelt und erprobt. Dafür haben wir Transferräume als mehrstimmige, binnendifferenzierte Aushandlungsorte konzeptioniert. Damit aber letztlich aus dem Transfer- ein Transformationsort wird, an dem eine qualitative Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis ihren Anfang nehmen kann, müssen die pädagogischen Akteure vor allem als produktive Transferakteure auf Augenhöhe adressiert werden. Im Projekt haben wir an dieser Stelle sehr positive Erfahrungen gemacht, auf die wir aufbauen und so das Konzept der Transferräume weiter voranbringen wollen.
• Was wünschst du dir für die Zukunft der Bildung in Deutschland?
Puh, schwierige Frage. Mit Blick auf die Individuen, die sich bilden, wünsche ich mir eine stärkere und bessere Subjektorientierung. Das heißt Bildung bzw. die handelnden Bildungsakteure sollten versuchen, ihre Adressat*innen besser zu verstehen, indem sie insbesondere deren (bildungs-)biografische Orientierungen besser berücksichtigen. Damit sind Fragen des Aufwachsens genauso adressiert wie die wechselnden biografischen Relevanzen von Bildungsangeboten. Und vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation in Deutschland wünsche ich mir einfach mehr emanzipatorische Bildung für alle und insbesondere für diejenigen, die glauben, dass eine bessere Zukunft möglich wird, wenn sie sich die Vorstellungen und Forderungen populistischer und insbesondere rechtspopulistischer Politiker*innen zu eigen machen bzw. diese unterstützen. Die Geschichte lehrt, dass das Quatsch ist bzw. uns im ungünstigsten Falle eine Zukunft beschert, die diesen Namen nicht einmal mehr verdient.